„Mann am Steuer ...“

„Mann am Steuer ...“
(Oder: 5 Minuten Unterhaltung für den Freitag)

Am Dienstag morgen wollte ich einen Termin wahrnehmen, zu dem ich eh schon zu spät dran war. Wer kommt schon gern zu einer Massage zu spät ... Etwas in Eile sprang ich in meinen schnuckeligen, knallgelben Smart und startete. Leider tat sich nichts – die Batterie war wohl entladen oder kaputt.

Etwas zerknittert sagte ich meinen heiß ersehnten Termin wieder ab und ließ mir von meinem freundlichen Nachbarn Starthilfe geben. Was gar nicht so einfach war, denn ich musste zunächst durch die Heckklappe von hinten in mein eigenes Auto einsteigen, um die Beifahrertür öffnen zu können – die Zentralverriegelung tat’s ja nicht mehr ...

Nachdem wir die Beifahrerseite von Altpapier und mehreren Tüten Glas, das für den Glascontainer bestimmt war, befreit hatten, konnten wir auch die kleine Klappe am Fußboden öffnen, damit wir endlich an die Batterie heran kamen.

Das es dann einfacher weiter ging, kann ich nicht behaupten, denn das Starthilfekabel war zu kurz, weil rechts neben meinem Auto ein großer Betonblumenkübel seinen eingestammten Platz hat, so dass sein Auto nicht dichter heranfahren konnte. Da ich aber abschüssig parkte, trauten mein gehbehinderter Nachbar und ich uns auch nicht, den Smart allein etwas bergan zu schieben. Wir kamen also nicht an die Batterie heran. Was für ein Morgen ...

Gott sei Dank wohne ich auf einem Bauernhof. Mein Nachbar holte also den Bauern von nebenan mit samt seines Traktors und wir zogen so nur wenig später den Smart zwei Meter zurück. Schnell war das Starthilfekabel angeklemmt, das Auto sprang wieder an. Puhhh .....

Um nicht in unserer leicht hügeligen Walachei stehen zu bleiben, fuhr ich durch einen für den öffentlichen Verkehr gesperrten Weg, der mich schneller an mein Ziel – die Werkstatt – brachte. Als ich den Weg gerade verließ, bog ein Polizeiwagen ein, um sich dann hier zu postieren und wahrscheinlich später auch abzukassieren. Puh – die 30 Euro hatte ich wenigstens gespart.

Nach kurzem Suchen fand ich die Einfahrt zur recht großen Werkstatt. Als ich in den Weg einbog, sah ich schon, dass Hochbetrieb herrschte. Mit laufendem Motor stieg ich aus und erkundigte mich hinter einer offenen Werkstatttür kurz bei einem der Mitarbeiter, wie ich zu einer neuen Batterie käme. „Stell’n Se ma den Wajen irjendwo ab und geh’n hinten zum Kollejen im Laden.“

„Wagen abstellen“ war leichter gesagt als getan, denn absolut alle Parktaschen waren besetzt, sogar am Seitenrand parkten schon Autos und mehrere Wege waren versperrt. Eine einzige kleine Smart-Parklücke war übrig, die ich auch nutzte. Vom teilweise begrünten Seitenstreifen aus gab es hier auch einen problemlosen Zugang zur Batterie. Mir war es zu gefährlich, den Schlüssel bei laufendem Motor einfach stecken zu lassen, während ich irgendwo in der Werkstatt verschwand.

Und so machte ich den Motor aus, ging in den Laden hinein und erklärte dem leicht zerknittert dreinschauenden Mann dann mein Anliegen. „Müssen Sie wohl ne Weile warten, sie sehen ja, was hier heute los ist“, sagte er dann etwas unwirsch. „Geben Sie mal ihre Papiere her. Wird mit neuer Batterie weit über 100 Euro.“ Und er tippte dann missmutig meine Daten in den Rechner.

Während ich draußen am Auto wartete – abschließen funktionierte ja auch nicht mehr – lehnte ich am Wagen und unterhielt mit mich einem mittelalterlichen Mann, offenbar polnischer Herkunft, der gerade einen Unfall gehabt hatte und seine Lampen reparieren lassen musste.

Fast eine Stunde verstrich. Wir sahen Mechaniker, die hin und her liefen, Autos, die kamen und gingen – aber unsere Autos wurden noch immer nicht zur Reparatur abgeholt.

Plötzlich erscholl ein lautes Hupkonzert hinter mir und ein donnernd gebrülltes „Nehmse ma irre Karre da endlich wech!“ Ich sah mich um und erblickte einen etwa 35 Jahre alten Türken mit Vollbart und Schiebermütze, der behäbig in seinem klobigen Auto saß (da hätte mein kleiner Smartie bestimmt 2 x rein gepasst) und die Bedeutung seiner Worte mit geballter Faust unterstrich: „Mein Gott, Frau am Steuer ...“

Offensichtlich meinte er mich, denn im Eifer des morgendlichen Gefechtes war ich ein Stückchen zu weit in die Parkplatzausfahrt hinein gefahren. Und mit seiner riesigen Karosse hätte er entweder den Zigarettenautomaten umgefahren oder meine Stoßstange mitgenommen.

„Wären Sie bitte so freundlich, kurz rückwärts raus zu fahren?“ fragte ich, denn er musste einfach an 3 parkenden Autos vorbei und konnte dann bequem vorwärts den Parkplatz verlassen.

„Dafür bin isch zu faul“, grinste er mich blöde an und trommelte ungeduldig mit seinen dick beringten Fingern auf die Tür. „Und jetzt fahrn se ma wech!“

„Kann ich leider nicht,“ versuchte ich es immer noch einigermaßen freundlich. „Die Batterie ist leer. Der Wagen springt nicht an.“

„Mein Gott nochma – dann schieben se ihr kleenes Dingelchen doch wech, kann bei der Briefkastengröße ja nich so schwieirch sein!“

Langsam stieg mein Blutdruck etwas an, dennoch erwiderte ich betont ruhig und langsam: „Ich kann ihn auch nicht weg schieben, der Schlüssel für das Auto befindet sich gerade bei irgendeinem Mitarbeiter dieser Werkstatt.“

Er machte seinen Wagen wieder aus und erklärte offenbar seinem Sohn auf dem Beifahrersitz irgendwas auf Türkisch. Der Sohn flitzte los in den Laden. „Kann nicht wahr sein ...“ kam es grollend aus seinem Auto in meine Richtung und die Finger trommelten noch immer. Sein Sohn flitzte unterdessen in einen etwas entlegeneren Teil des Werkstattgeländes.

Fünf Minuten vergingen, aber der Sohn kam nicht zurück. Der Mann schälte sich schließlich aus seinem Auto raus, ging seinem Sohn hinterher und grummelte laut als er an mir vorbei stapfte: „Jetzt komm’ ich wegen ihnen auch noch zu spät!“

Meine Betriebstemperatur stieg auf 91°. Mit äußerster Anstrengung um ruhig zu bleiben, entgegnete ich: „Wenn Sie kurz rückwärts raus gefahren wären, wären Sie wahrscheinlich schon längst schon da ...“

„Jetzt wollen Sie mir auch noch die Schuld an ihrem falschen Verhalten geben, oder was?“ brüllte er mich an und stapfte in Richtung Werkstatt. „Muss mir ja nicht von Frau sagen lassen, was ich zu tun habe ...“ Ich hielt lieber den Mund, obwohl ich inzwischen 95° auf meinem inneren Thermometer angezeigt bekam.

Weitere fünf Minuten vergingen. Dann kam der Deutsch-Türke mit zwei Mechanikern und seinem Sohn aus der Werkstatt auf mich zu. Ich sagte gar nichts, sah nur zu, wie ein Mechaniker den Schlüssel ins Schloss steckte und umdrehte, und umständlich den Leerlauf einlegte. Die anderen packten bodygebuildet meinen Smart an und gaben ihm einen kräftigen Schubs. So viel, – ein Smart ist halt recht leicht ... –, dass der kleine Mechaniker auf dem Fahrersitz beinahe nicht schnell genug reagierte und sie fast einen schwarzen Mercedes, der direkt hinter mir parkte, angefahren hätten.

„Sehen Sie, so einfach ist das, Frau!“ blitzte mich der 1,63 m große Mann von unten an. Wobei er das „Frau“ irgendwie ausspuckte. Mein Temperaturfühler zeigte 98° und ich seufzte nur: „Oh, man!“

Leider wohl doch zu laut, denn er setzte noch einen nach, nachdem er seine Autotür zugeknallt hatte: „Und – wollen Sie sich gar nicht bei mir für die tolle Hilfe bedanken?“

Ich war so baff, dass mir der Mund offen stehen blieb und ich nahm nur wahr, dass ich wohl ungläubig den Kopf geschüttelt haben muss. Hinter mir kam in diesem Moment Gott sei Dank ein Mechaniker und kümmerte sich endlich um meine tote Batterie. Die Riesenkarosse mit einer geballten Faust auf dem Fahrersitz fuhr jetzt an mir vorbei, und er gab neben mir noch einmal laut röhrend Vollgas.

Der Mechaniker wechselte die Batterie und als ich hoch sah, bemerkte ich, dass der kleine Mann mit dem großen Auto nicht sehr weit gekommen war. Ein Wagen mit Pferdeanhänger blockierte die Ausfahrt, aus der er raus wollte. Die geballte Faust wirbelte aus dem Fenster an der Fahrerseite, was die umstehenden Menschen aber offenbar nicht sehr beeindruckte.

Achselzuckend seufzte ich und nahm vom Mechaniker, der die Batterie inzwischen gewechselt hatte, meine Papiere entgegen und ging schon mal bezahlen. Ein paar Minuten später funktionierte mein Wagen wieder einwandfrei und ich konnte mich auf den Nachhauseweg machen. Ich nahm die Ausfahrt, die ich auch dem kleinen Mann empfohlen hatte, denn dort auf der Seite war alles frei.

Wieder auf normaler Betriebstemperatur angelangt, sah ich mich noch einmal um und entdeckte den mittlerweile von mehreren Autos noch immer eingekeilten Wagen des tobenden Mannes. Tja, so ist das manchmal im Leben. Mir fiel an diesem Tag nur eines dazu ein: „Mann am Steuer ...“

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