Krisen- oder lieber Nachbarschaftshilfe?


Gestern wurde ich gebeten, einem ein paar Straßen weiter wohnenden Bekannten eines Nachbarn etwas vorbei zu bringen. Der Mann, so wurde mir erzählt, solle schon über 80 sein und nicht mehr ganz beieinander. Ich war mit einem Freund unterwegs, weil wir im Nachbarhaus zu tun hatten.

Als wir zu dem kleinen Grundstück des 80jährigen Mannes kamen, verschlug es uns schon fast die Sprache. Wir sind von alten Höfen einiges gewöhnt, aber das Chaos, das uns hier entgegen blickte, hatten wir noch nie gesehen. Herunter gekommene Lattenverschläge auf dem Grundstück, überlaufende Mülleimer, Werkzeuge kreuz und quer auf dem Gelände verteilt, dazwischen mal Kleidungsstücke und Abfallsäcke. Haus, Gartenhaus und Scheune im teilweise mehr als baufälligen Zustand.

Am durchlöcherten Zaun keine Klingel. Und obwohl die Tür offen war, mochten wir nicht eintreten, vielleicht auch, weil wir mehrere Hunde auf dem Grundstücke belllen hörten. So riefen wir laut den Namen des Nachbarn und nach mehrmaligen Türenschlagen unseres Autos zeigte sich ein Gesicht am Fenster und bedeutete uns einen Moment zu warten.

Eigentlch wollten wir nur das Päckchen abgeben, aber der alte Mann war offensichtlich dankbar für Besuch und so nahmen wir seine EInladung kurz herein zu kommen an, wenn auch etwas zögerlich. IM FLur dutzende verdreckte Schuhe. Der Fußboden war sicher seit Jahren nicht mehr gewischt. Bunte Glasscherben am Boden. Alte Kartons links und rechts, daneben Bretter, alte Ziegelsteine und Jacken, die auf Besenstielen hingen.

Er bat uns in die kleine Küche, in der ich leichten Brechreiz bekam. Eine Zeitung als Unterlage auf dem Esstisch, die darauf klebende Marmelade fing bereits an zu schimmeln. Jeder noch so kleine verfügbare Platz war belegt, mit Sachen, die da eigentlich nicht hingehörten. Mitten drin ein prall gefüllter Wäschekorb, auf dem ein geleerter Joghurtbecher thronte.

Wir unterhielten uns eine Weile mit dem alten, aber sehr freundlichen Mann. Wir hörten, daß seine Frau vor Jahren fortging - und seine Häuser mit ihr. Die Kinder wohnten weit weg und kümmerten sich nicht um ihn. Eine Haushaltshilfe, die er vor Urzeiten mal gehabt hat, hatte sein Konto geräumt und war verschwunden. So hatten Alter, depressive Gedanken und die latente EInsamkeit ihren Tribut gezollt. Die einzige Ablenkung war der ständig laufende Fernseher, das einzige neue und staubfreie Teil im ganzen Raum.

Nach einer Weile des Zuhörens hielt ich es nicht mehr aus und bedeutete meinem Freund, daß wir gehen mussten. Wir verabschiedeten und versprachen, gelegentlich wieder vorbei zu schauen.

Ich war geplättet, musste an der frischen Luft erst einmal verdauen. Mein Bekannter, ein Sozialarbeit, der solche Wohnsituationen gewohnt ist, war zwar auch ein wenig erschüttert, aber bei weitem nicht so wie ich. Wir saßen einen Augenblick nachdenklich im Auto. Und er hörte meine unausgesprochenen Gedanken und sagte: "Ich werde den Sozialdienst vorbeischicken." Dankbar nickte ich.

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Auch, wenn diese Geschichte jetzt ein wenig länger wurde als gedacht - nachhaltigen EIndruck hat sie bei mir hinterlassen.

Müssen wir in Zeiten der Japankrise wirklich nach Japan spenden und persönlich helfen? Oder schafft das Land das allein? Sollten wir uns nicht erstmal um unsere direkten Nachbarn kümmern, denn da gibt's so manchem, bei dem es nicht viel besser aussieht.

Eine noch immer nachdenkliche Gudrun wünscht euch ein angenehmes Wochenende!
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